1. Begrüßung /Wer wir sind

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich begrüßen wir Sie zum Thema „Untersuchungshaftreduzierungshilfe und Kriminalprävention“.

Wir, das sind:

  • Andrea Grabowski als Sozialpädagogin des Vereins KIM – Soziale Arbeit e.V. in Paderborn
  • Christian Fissenebert als Diakon und Sozialarbeiter des Stiftungsbereichs Integrationshilfen der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld

Beide genannten freien Träger sind durch das Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen beauftragt, Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede durchzuführen; das Justizministerium finanziert diese Maßnahme mit einem Stellenanteil in Höhe von 71 %.

Die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede bietet sowohl einen geschlossenen Männerbereich als auch einen geschlossenen Frauenbereich und hat eine Belegungsfähigkeit von 551 Haftplätzen ; ca. ein Drittel dieser Haftplätze ist mit erwachsenen Untersuchungshaftgefangenen beiderlei Geschlechts belegt.
Laut Vollstreckungsplan für das Land Nordrhein-Westfalen werden alle erwachsenen Untersuchungsgefangenen des Landgerichtsbezirks Bielefeld und ein Teil der erwachsenen Untersuchungshaftgefangenen des Landgerichtsbezirks Paderborn in die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede eingewiesen .

Im vergangenen Jahr haben wir durch die Einleitung von insgesamt 567 Untersuchungshaftreduzierungsmaßnahmen dazu beigetragen, die Dauer der Untersuchungshaft von 178 Gefangenen maßgeblich zu reduzieren.

Im Folgenden berichten wir über die Ziele, Methoden und Ergebnisse der seit April 2003 bestehenden Untersuchungshaftreduzierungshilfe.

2. Unsere Ziele /Was wir wollen

Die Anordnung der Untersuchungshaft durch einen Richter ist die tiefgreifendste Zwangsmaßnahme im Strafprozess. Sie dient der Sicherung des Verfahrens durch:

  • die Sicherung der Anwesenheit der Beschuldigten im Strafverfahren
  • der Gewährleistung einer ordnungsgemäßen Tatsachenermittlung durch die Strafverfolgungsbehörden
  • der Sicherstellung der Strafvollstreckung

Der Vollzug der Untersuchungshaft kann bei den Betroffenen eine Vielzahl nachteiliger Folgen verursachen, wie z.B.

  • den Verlust der Wohnung
  • den Verlust des Arbeitsplatzes
  • die nachhaltige Störung bzw. den Abbruch von Beziehungen zu Angehörigen
  • finanzielle Nachteile
  • psychische Störungen sowie die gesellschaftliche Ausgrenzung der Betroffenen

Besonders Erstinhaftierte erleben diese Folgen häufig als emotional stark belastend.

Aufgrund dieser Nachteile regelt bereits § 116 der Strafprozessordnung, dass ein Richter den Vollzug eines Haftbefehls aussetzen kann, wenn weniger einschneidende Maßnahmen den Zweck der Untersuchungshaft erreichen.

In Betracht kommen:

  • die Anweisung, sich zu bestimmten Zeiten bei einer von dem Richter bestimmten Dienststelle zu melden
  • die Anweisung, den Wohn- oder Aufenthaltsort nicht ohne Erlaubnis des Richters zu verlassen
  • die Leistung einer angemessenen Sicherheit (Kaution) durch den Beschuldigten

Die hierzu notwendigen Informationen können häufig vor Anordnung eines Haftbefehls nicht beschafft werden. Hier setzen nun die Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe ein.

Im Rahmen einer Haftprüfung hat der Richter dann die Möglichkeit, Gefangene unter festzusetzenden Auflagen bis zum Hauptverhandlungstermin auf freien Fuß zu setzen.

Mit den Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe verfolgen wir folgende Ziele:

  • die Verkürzung der Untersuchungshaft und damit die Milderung ihrer nachteiligen Folgen
  • die Besserung und Resozialisierung des Täters beziehungsweise des Tatverdächtigen
  • die Verstärkung der Eigenmotivation des Täters bzw. Tatverdächtigen, nicht erneut straffällig zu werden

Die Umsetzung dieser Ziele geschieht über:

  • die Förderung selbstverantwortlichen, normgerechten Verhaltens
  • die Reflexion der Gründe für das Begehen der zur Last gelegten Straftat
  • die Entwicklung neuer Lebensperspektiven und -ziele
  • die Erfüllung von Bewährungsauflagen
  • die Verhinderung bzw. Abmilderung von gesellschaftlicher Ausgrenzung

Die Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe tragen dazu bei, die folgenden Kreisläufe zu unterbrechen:

  • den Kreislauf von Inhaftierung – folgend Wohnungsverlust, Arbeitsplatzverlust, Verschuldung, Beziehungsabbrüche – folgend Straffälligkeit und erneute Inhaftierung
  • im Fall des Vorliegens von Abhängigkeitserkrankungen den Kreislauf von Inhaftierung – folgend Wohnungsverlust, Arbeitsplatzverlust, Verschuldung, Beziehungsabbrüche durch Suchtmittelmissbrauch – folgend Beschaffungskriminalität /Straffälligkeit und erneute Inhaftierung .

Es ist uns besonders wichtig, diese berüchtigten Drehtüreffekte mit ihren desaströsen Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft zu verhindern.

Insgesamt stellt sich die Untersuchungshaftreduzierungshilfe als positive Maßnahme der tertiären Spezialprävention dar .

3. Unsere Methoden /wie wir arbeiten

Das Büro der Untersuchungshaftreduzierungshilfe in der JVA Bielefeld-Brackwede ist von Montag- bis Freitagvormittag besetzt. Um eine ständige Präsenz zu gewährleisten, sind insgesamt sieben Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich tätig.

Die Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe sind wie folgt strukturiert:

Prüfung der Möglichkeit einer Aussetzung des Haftbefehls zunächst nach Aktenlage
Durch Hausverfügung ist geregelt, dass jede gerade erstellte Gefangenenpersonalakte zuerst der Untersuchungshaftreduzierungshilfe zugeleitet wird; dies bietet uns die Möglichkeit, unsere Maßnahmen zeitnah nach Inhaftierung einzuleiten.
Jeder Zugang eines Untersuchungshaftgefangenen wird in einer hierzu entwickelten Datenbank dokumentiert. So erfassen wir Buchnummer, Name, Vorname, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, den Tatvorwurf, den oder die Haftgründe und eine eventuell bestehende Abhängigkeitserkrankung.
Bereits das Auswerten der in der Gefangenenpersonalakte dokumentierten Informationen ermöglicht eine erste Prüfung, ob ein Untersuchungshaftgefangener für weiterführende Maßnahmen der Untersuchungshaftreduzierungshilfe in Frage kommt.
Die Untersuchungshaftreduzierungshilfe wird unsererseits nicht weiter fortgeführt, wenn folgende Kriterien vorliegen:

  • die Haftgründe „Verdunkelungsgefahr“ und „Schwere der Tat“
  • der Verdacht auf massive Gewalttätigkeit gegen Personen (z.B. Raub, Tötungsdelikte)
  • der Verdacht auf eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung
  • der Verdacht des Handelns mit Betäubungsmitteln
  • unklarer Aufenthaltsstatus
  • das Vorliegen mehrerer Ermittlungsverfahren
  • angeordnete freiheitsentziehende Maßregeln der Besserung und Sicherung oder Unterbringung

In der Regel ist hier eine rechtsanwaltliche Vertretung gefragt.

Erstgespräch mit dem Untersuchungshaftgefangenen

Einen Untersuchungshaftgefangenen, der für eine weitere Prüfung in Betracht kommt, holen wir zum Gespräch in unser Büro. Nach der persönlichen Vorstellung weisen wir zunächst darauf hin, dass wir nicht als Vollzugsbeamte tätig sind und auch gegenüber der Justiz an unsere Schweigepflicht gebunden sind. Dies gibt dem Untersuchungshaftgefangenen die Möglichkeit, frei zu sprechen und „öffnet nicht selten Herzen“.

Zunächst informieren wir den Gefangenen über die Möglichkeit, dass der Vollzug eines Haftbefehls gemäß § 116 StPO über eine Haftprüfung ausgesetzt werden kann; dabei wird er auch darüber informiert, dass im Falle einer Haftverschonung mildere Ersatzmaßnahmen an die Stelle der Untersuchungshaft treten können.

Danach beginnen wir, die Informationen zur psychosozialen Situation des Betroffenen zu komplettieren. Hierzu gehören:

  • das Vorliegen einer Meldeadresse
  • bestehender Arbeitsvertrag oder Aussicht auf einen Arbeitsvertrag
  • soziale Beziehungen am Wohnort
  • evtl. Migrationshintergrund
  • bestehende Erkrankungen und Behinderungen (hier besonders psychische einschließlich Abhängigkeit)
  • Ursachenanalyse der vermeintlichen Straftat (es gibt keine „motivlose Tat“)
  • Grund und Anzahl bisheriger Haftstrafen
  • Kostenzusage einer stationären Entwöhnungsbehandlung
  • bestehende Bewährungsauflagen

Falls möglich und erforderlich, werden diese Informationen durch uns auf Richtigkeit und Schlüssigkeit überprüft.

Bei der überwiegenden Mehrzahl der Untersuchungsgefangenen wird die Verhängung von Untersuchungshaft mit dem alleinigen Haftgrund der „Fluchtgefahr“ begründet.
Durch Berücksichtigung der oben genannten detaillierten Informationen wird eine differenzierte Beurteilung der Fluchtgefahr möglich, aufgrund derer ein Richter personen- und sachgerechte Alternativen anordnen kann.

Des weiteren beraten wir den Gefangenen bezüglich der Möglichkeiten, eine positive Entscheidung des Haftrichters auf Aufhebung bzw. Außervollzugsetzung eines Haftbefehls zu befördern.

Hierzu gehören:

  • die Beratung des Gefangenen bezüglich der Beauftragung eines Rechtsanwalts, mit dem wir im konkreten Fall zusammenarbeiten
  • die Unterstützung des Gefangenen bei der Abfassung eines Antrags auf Haftprüfung
  • Telefonate mit dem zuständigen Haftrichter, um die Möglichkeiten einer positiven Entscheidung im Rahmen des Antrags auf Haftprüfung auszuloten
  • Telefonate mit Arbeitgebern und Angehörigen

Diese Maßnahmen setzten selbstverständlich immer das Einverständnis des Gefangenen voraus.

Falls erforderlich vermitteln wir beratende bzw. behandelnde Angebote vollzuglicher und außervollzuglicher Dienste, so z.B.

  • Suchtberatung zwecks Einleitung einer stationären Entwöhnungsbehandlung
  • Schuldnerberatung
  • Psychotherapie
  • ambulante, teilstationäre und stationäre Einrichtungen der Straffälligenhilfe, Wohnungslosenhilfe und Suchtkrankenhilfe

Alle Mitarbeiter der Untersuchungshaftreduzierungshilfe arbeiten entweder in ambulanten, teilstationären und stationären Einrichtungen der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe in Paderborn oder Bielefeld und sind mit den regionalen Hilfeangeboten und Netzwerken bestens vertraut.

Last not least ist in unserer Arbeit mit den Untersuchungshaftgefangenen unsere Haltung eine Bedingung des Erfolgs unserer Arbeit:

  • in den Gesprächen bieten wir eine vertrauensvolle, offene und die Persönlichkeit unseres Gegenübers wertschätzenden Atmosphäre an
  • wir enthalten uns der Wertung der Straftat
  • wir benennen klar die Möglichkeiten aber auch die Grenzen unseres Hilfeangebots
  • da die Untersuchungshaft besonders für Erstinhaftierte psychisch extrem belastend sein kann, lassen wir Raum für seelsorgerliche Hilfen
4. Ergebnisse /was wir erreichen

Im letzten Jahr haben wir dazu beigetragen, insgesamt ca. 10.300 Hafttage einzusparen; dabei wird von einer durchschnittlichen Verweildauer von 100 Tagen Untersuchungshaft ausgegangen.

Da die Kosten des Strafvollzugs je Gefangener und Hafttag 74,05 EUR betragen , tragen die Maßnahmen der Untersuchungshaftvermeidung nicht unwesentlich zur Entlastung der öffentlichen Haushalte bei.

Für das Jahr 2008 ergibt sich eine Einsparung in Höhe von ca. 763.000 EUR.

Werden alle eingesparten Untersuchungshafttage der vergangenen sechs Jahre zusammengerechnet ergibt sich die Zahl von knapp 59.000 Tagen mit einem Einsparvolumen von ca. 4.360.000 EUR.

In den ersten zwei Jahren des Projekts hat sich die Zahl der eingesparten Hafttage deutlich erhöht; seit dem Jahr 2005 hat sich die Zahl der erfolgreichen Maßnahmen bei etwa 32% aller Untersuchungshaftfälle eingepegelt.

Ohne unsere enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen des Sozialdienstes und des Vollzugsdienstes der JVA Bielefeld-Brackwede wären diese Ergebnisse nicht möglich gewesen.

Unser Hilfeangebot der Untersuchungshaftreduzierungshilfe ist nur ein Faktor unter vielen. So wirken U-Haftberatung, der Sozial- und Vollzugsdienst der JVA, Richter, Staatsanwälte, Anwälte und die freie Straffälligenhilfe bei der Untersuchungshaftvermeidung maßgeblich mit.